Und wieder sind sie unterwegs

Kaum lässt sich der unbedarfte, naturliebende Wanderer auf einer einladenden Holzbank nieder, um seine Wurstbrote, Schoppenweine, Daunendecken, Kopfkissen und Wärmeflaschen auszupacken, nähern sie sich aus versteckten Winkeln und Weilern, Wäldern und Wiesen kommend, auf Zehenspitzen, um ihre Beute feilzubieten: Im Bastkörbchen tragen sie Pfifferlinge, Steinpilze, Maronen und verwandte Mycelgewächse mit sich, heben ein besonders großes Exemplar in die Höhe und gurren so kehlig-verrucht wie die Bardame aus dem Grünen Kakadu ihr obligatorisches
Na? Lust auf einen gemeinen Schleimling?
Nein! erwidere ich kategorisch.
Wer weiß, was der wilde, bärtige Pilzsammler mir da andrehen will. Den Fliegenpilz erkenne ich noch als solchen und ordne ihn der Kategorie Gefahrenträger zu. Aber was wäre, läge da ein unscheinbares kleines grünes Knollenblätterpilzchen unter den vermeintlichen Köstlichkeiten? Nicht nur das Wochenende wäre gelaufen.
Zwar geht da die Sage, der freundliche Apotheker von nebenan sei immer in der Lage, die Laienpilzsammlung nach Gute ins Töpfchen und Schlechte ins Kröpfchen zu sortieren. Aber das ist nur eine Urban Legend, die man sich auf After Work Parties in angesäuseltem Zustand gegenseitig als Bären aufbinden kann. Ich kenne eine gute Handvoll Apotheker. Von Pilzen haben die nun mal gar keine Ahnung, wie sie freimütig bekunden. Die verstehen mehr von Märklin-H0-Eisenbahnanlagen und Lifestyle-Zeitschriften.
Vergangene Ambitionen, auch selbst einmal in die Pilze zu gehen, wie man diesen Vorgang so euphemistisch umschreibt, liefen sehr bald ins Leere.
Nicht nur, dass man als Voraussetzung erst mal ein Grundstudium von zwanzig Fachbüchern durchzuackern gezwungen ist; in den Wäldern selbst drohen allenthalben Gefahren. Immer wieder tun uns die Postillen kund, dass die eine oder andere Vereinigung Wölfe, Bären, Luchse, Alligatoren und ähnliches beißfähiges Getier in unseren Wäldern wieder heimisch gemacht hat. Ganz abgesehen von der real existierenden Gefahr der freilaufenden Wildschweine, vulgo Eber und Sauen.
Was tut so ein Pilzsammler, wenn, sobald er sich nach einem verführerischen Champignon bückt, hinter ihm ein Knurren ertönt? Murmelt er verschämt, ohne sich umzudrehen Verzeihung, wollte eigentlich nicht stören oder wendet er sich dem Grizzly zu und begrüßt ihn mit Handschlag:
Hi! Mein Name ist Hans. Ich bin seit 1986 im WWF und Vorsitzender im Örtlichen Tierschutzverein Klein-Niedersbrück.
Keine Ahnung, ob sich das Untier dann mit einem freundschaftlich-vertrauten Augenzwinkern trollt.
Folgen Sie meinem Beispiel und besuchen Sie am Wochenende den reich bestückten Wochenmarkt. Sollte doch ein Knollenblätterchen darunter sein, können Sie immer noch posthum dem Händler an den Kragen gehen.

Ihr
Gerhard Kerner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Unsere Datenschutzerklärung

wk_plus Design